Ratgeber · Totalschaden

DIE
130-PROZENT-REGEL.

Von Kerem Khalaf Kfz-Sachverständiger, VSD-zertifiziert Lesezeit 6 Minuten

Wenn die Reparatur mehr kostet als das Fahrzeug wert ist, gilt das als wirtschaftlicher Totalschaden. Die Versicherung zahlt dann nicht die Werkstattrechnung, sondern die Differenz zwischen Wiederbeschaffungswert und Restwert. Für viele Betroffene ist das ein Problem, weil sie an ihrem Fahrzeug hängen oder für das Geld nichts Vergleichbares bekommen. Genau hier greift die 130-Prozent-Regel.

Inhalt

WAS DIE REGEL ERLAUBT.

Die Regel erlaubt, ein Fahrzeug reparieren zu lassen, obwohl die Kosten über dem Wiederbeschaffungswert liegen. Die Obergrenze liegt bei dreißig Prozent darüber, also bei 130 Prozent des Wiederbeschaffungswerts.

Dahinter steht ein anerkanntes Interesse, das im Schadensrecht Integritätsinteresse heißt. Wer sein Fahrzeug kennt, weiß, wie es gepflegt wurde und wer damit gefahren ist, hat einen guten Grund, es behalten zu wollen. Dieses Interesse wird geschützt, allerdings nur innerhalb enger Grenzen und nur unter Bedingungen, die vollständig erfüllt sein müssen.

Wichtig ist von Anfang an das richtige Verständnis. Die 130-Prozent-Regel ist kein Bonus, sondern eine Ausnahme. Wer sie nutzen will, muss vier Voraussetzungen einhalten, und bei jeder einzelnen entscheidet sich, ob am Ende die vollen Reparaturkosten gezahlt werden oder deutlich weniger.

Der Ausgangspunkt bleibt der wirtschaftliche Totalschaden, denn ohne ihn stellt sich die Frage nach der Regel überhaupt nicht.

Bedingungen

DIE VIER VORAUSSETZUNGEN.

Die erste Voraussetzung ist die Rechnung selbst. Verglichen werden die Reparaturkosten zuzüglich einer etwaigen merkantilen Wertminderung mit 130 Prozent des Wiederbeschaffungswerts. Liegt die Summe darunter, ist der Weg offen.

Die zweite betrifft den Umfang der Arbeiten. Repariert werden muss vollständig und fachgerecht, und zwar genau in dem Umfang, den das Gutachten vorgibt. Eine Teilreparatur genügt nicht, eine Billiginstandsetzung ebenfalls nicht, und einzelne Positionen wegzulassen genügt auch nicht. Das Gutachten ist in diesem Fall nicht nur eine Kalkulation, sondern der Maßstab für die geschuldete Reparatur.

Die dritte ist die Weiternutzung. Der Bundesgerichtshof verlangt, dass das Fahrzeug nach der Reparatur mindestens sechs Monate weitergenutzt wird. Das ist der Nachweis dafür, dass es wirklich um den Erhalt ging und nicht um eine höhere Auszahlung.

Die vierte ist die tatsächliche Durchführung. Ohne echte Reparatur gibt es die 130 Prozent nicht, dazu weiter unten mehr. Alle vier Punkte müssen zusammen erfüllt sein. Fällt einer weg, fällt der ganze Anspruch auf die vollen Reparaturkosten weg. Ein Blick auf die merkantile Wertminderung lohnt sich dabei, weil sie in der Rechnung mitgeführt wird.

Voraussetzung Erfüllt, wenn
Kostengrenze Reparaturkosten plus Wertminderung unter 130 % des WBW
Reparaturumfang vollständig und fachgerecht nach Gutachten
Weiternutzung mindestens sechs Monate nach der Reparatur
Durchführung tatsächlich repariert, nicht nur kalkuliert

WAS DER WIEDERBESCHAFFUNGSWERT IST.

Weil in dieser Rechnung alles am Wiederbeschaffungswert hängt, lohnt ein Blick darauf, was dieser Wert überhaupt ist.

Er beschreibt den Betrag, den Sie aufwenden müssten, um am regionalen Markt ein gleichwertiges Fahrzeug zu bekommen, also gleiches Modell, vergleichbare Ausstattung, ähnliche Laufleistung und ähnlicher Zustand. Maßgeblich ist dabei der Preis bei einem seriösen Händler, nicht der günstigste Fund in einem Kleinanzeigenportal.

Das ist kein Detail. Ein zu niedrig angesetzter Wiederbeschaffungswert senkt die 130-Prozent-Grenze mit, und ein Fall, der eigentlich reparierbar wäre, kippt dadurch in den Totalschaden. Wer im Essener Raum ein gefragtes Modell fährt, sollte deshalb darauf achten, dass die Vergleichsangebote aus der Region stammen und nicht aus einem beliebigen Teil Deutschlands.

Rechenbeispiel

EIN FALL, ZWEI VARIANTEN.

Ein Beispiel mit Zahlen, wie es in Essen regelmäßig vorkommt.

Ein sieben Jahre alter Kombi wird vorne links erheblich beschädigt. Wiederbeschaffungswert 9.000 Euro, Restwert 2.400 Euro. Die Grenze liegt damit bei 11.700 Euro, also bei 130 Prozent von 9.000 Euro.

Variante A
Reparaturkosten
11.200 €
Anteil am WBW
124 %
Grenze 11.700 €
eingehalten
Erstattung
11.200 €
Variante B
Reparaturkosten
11.900 €
Anteil am WBW
132 %
Grenze 11.700 €
überschritten
Erstattung
6.600 €

In der ersten Variante kalkuliert das Gutachten Reparaturkosten von 11.200 Euro. Das entspricht rund 124 Prozent und liegt unter der Grenze. Die Reparatur ist möglich, die Versicherung trägt die vollen 11.200 Euro, das Fahrzeug bleibt beim Eigentümer.

In der zweiten Variante liegen die kalkulierten Kosten bei 11.900 Euro, also bei rund 132 Prozent. Jetzt kippt der Fall. Erstattet wird nur noch der Wiederbeschaffungsaufwand von 6.600 Euro, das sind 9.000 minus 2.400.

Zwischen beiden Varianten liegen 700 Euro in der Kalkulation. Der Unterschied im Ergebnis beträgt 4.600 Euro. Wer jemals gefragt hat, warum die Sorgfalt bei der Kalkulation zählt, hat hier die Antwort.

Die Schwelle

WAS BEI ÜBERSCHREITUNG PASSIERT.

Der härteste Punkt an dieser Regel ist, was bei Überschreitung passiert. Viele nehmen an, dass dann eben 130 Prozent gezahlt werden und der Rest selbst getragen wird. Das ist falsch.

Der Bundesgerichtshof hat klargestellt, dass die Kosten nicht in einen wirtschaftlich vernünftigen und einen wirtschaftlich unvernünftigen Teil aufgespalten werden dürfen. Wer über der Grenze repariert, bekommt nicht 130 Prozent, sondern nur den Wiederbeschaffungsaufwand, also Wiederbeschaffungswert minus Restwert.

Das ist eine Schwelle, kein Übergang. Ein Fahrzeug, das um wenige hundert Euro über der Grenze liegt, wird abgerechnet wie ein Totalschaden, obwohl es repariert wurde. Der Unterschied kann mehrere tausend Euro betragen, und er entscheidet sich an einer Kalkulation, die vor der Reparatur erstellt wurde.

Fundstellen

BGH, Urteil vom 08.02.2011, VI ZR 79/10, kein Aufspalten der Reparaturkosten.
BGH, Urteil vom 02.06.2015, VI ZR 154/14, zur 30-Prozent-Schwelle.
BGH, Urteil zur sechsmonatigen Weiternutzung, VI ZR 89/07.

Aus der Praxis

WORAN FÄLLE IN DER PRAXIS KIPPEN.

Aus der Arbeit in Essen und im Ruhrgebiet lässt sich sagen, wo die Fälle in der Praxis kippen.

Der häufigste Fehler ist die Reparatur nach Absprache mit der Werkstatt statt nach Gutachten. Wird gespart, um unter die Grenze zu kommen, fehlt am Ende die fachgerechte und vollständige Instandsetzung, und damit fällt die Grundlage für den Anspruch weg. Das Ergebnis ist das schlechteste von beiden, nämlich ein repariertes Fahrzeug und die Abrechnung als Totalschaden.

Der zweite ist der Verkauf innerhalb der sechs Monate. Das passiert oft ohne böse Absicht, etwa weil sich beruflich etwas ändert. Die Versicherung stellt dann auf Totalschadensabrechnung um und fordert die Differenz zurück.

Der dritte ist die fehlende Dokumentation. Dass fachgerecht repariert wurde, muss belegbar sein. Werkstattrechnung, Fotos und im Zweifel eine Reparaturbestätigung gehören zusammengehalten, nicht weggeworfen.

Der vierte betrifft den Restwert. Er entscheidet mit darüber, wie hoch die Alternative zur Reparatur ausfällt, und genau deshalb schickt die Versicherung gern eigene Angebote aus überregionalen Börsen aus. Wer die Vergleichsrechnung führen will, braucht an dieser Stelle ein belastbares Gegenstück aus dem regionalen Markt.

AUSZAHLUNG OHNE REPARATUR.

Ein Punkt, der häufig zu Enttäuschungen führt, betrifft die Auszahlung ohne Reparatur. Grundsätzlich funktioniert die 130-Prozent-Regel nur mit tatsächlich durchgeführter Reparatur. Wer sich auszahlen lässt, bekommt den Wiederbeschaffungsaufwand und nicht mehr.

Es gibt eine schmale Ausnahme. Gerichte haben anerkannt, dass auf die tatsächliche Reparatur verzichtet werden kann, wenn die Vorfinanzierung weder aus eigenen Mitteln noch über ein Darlehen möglich ist. Das ist ein Ausnahmefall und keine Gestaltungsoption, und er gehört vorher mit einem Anwalt besprochen.

Die Grundregel bleibt deshalb einfach. Wer die 130 Prozent nutzen will, muss reparieren lassen und das Fahrzeug behalten.

WAS UNABHÄNGIG DAVON BEZAHLT WIRD.

Von der ganzen Diskussion unberührt bleiben mehrere Positionen, die oft vergessen werden.

Abschleppkosten, Standgebühren und die Kosten der Bergung gehören zum Schaden und werden unabhängig davon ersetzt, ob repariert oder abgerechnet wird. Dasselbe gilt für einen Mietwagen oder die Nutzungsausfallentschädigung für die Dauer der Reparatur oder der Wiederbeschaffung.

Auch die Kosten des Sachverständigen trägt bei einem unverschuldeten Unfall die gegnerische Haftpflicht, und zwar in beiden Varianten. Die 130-Prozent-Frage entscheidet darüber, wie der Fahrzeugschaden abgerechnet wird, nicht darüber, ob die übrigen Positionen bestehen.

Wer das weiß, verhandelt ruhiger. Selbst wenn die Grenze gerissen wird, bleibt ein erheblicher Teil des Schadens erstattungsfähig.

Entscheidung

REPARIEREN ODER ABRECHNEN.

Ob sich der Weg lohnt, ist keine reine Rechenfrage. Es gibt Fälle, in denen die Totalschadensabrechnung die bessere Entscheidung ist, obwohl die Reparatur möglich wäre.

Dafür sprechen ein Fahrzeug, das ohnehin bald ersetzt werden sollte, ein hoher Restwert, der den Wiederbeschaffungsaufwand erträglich macht, oder ein Modell, das am Markt gut verfügbar ist. Dann bekommt man für das Geld etwas Gleichwertiges ohne Unfallhistorie.

Für die Reparatur sprechen dagegen eine gepflegte Ausstattung, die sich am Markt schwer wiederfinden lässt, ein Fahrzeug mit bekannter Historie, oder schlicht die Erfahrung, dass der Wiederbeschaffungswert bei älteren Fahrzeugen selten reicht, um in Essen etwas Vergleichbares zu kaufen.

Diese Abwägung nimmt Ihnen niemand ab, aber sie lässt sich nur treffen, wenn beide Rechnungen vorliegen. Deshalb gehören in ein Gutachten Reparaturkosten, Wiederbeschaffungswert und Restwert nebeneinander und nicht nur die eine Zahl, die gerade gefragt wurde.

Häufige Fragen

FRAGEN ZUR 130-PROZENT-REGEL.

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Diese Frage entscheidet sich vor der Reparatur, nicht danach. Ein Anruf genügt, die Erstauskunft kostet nichts.